Wie erdbebensicher ist die Schweiz wirklich?

Die Schweiz gilt als eines der sichersten Länder Europas – doch beim Thema Erdbeben gibt es eine überraschend grosse Schwachstelle. Starke Beben bis etwa Magnitude 7 sind möglich, und viele bestehende Gebäude weisen laut Bund eine unbekannte oder ungenügende Erdbebensicherheit auf. Besonders brisant: Die grössten Schäden wären nicht zwingend dort zu erwarten, wo die Erde am stärksten bebt, sondern dort, wo besonders viele Menschen, Gebäude und hohe Sachwerte konzentriert sind.

In der Schweiz werden jedes Jahr rund 1’000 bis 1’500 Erdbeben registriert. Nur etwa 10 bis 20 davon sind für Menschen spürbar, doch das darf nicht über das eigentliche Risiko hinwegtäuschen. Über einen Zeitraum von 50 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit für ein lokales Schadenbeben der Magnitude 5,5 bei rund 80 Prozent, für ein regionales Beben der Magnitude 6 bei etwa 40 Prozent. Selbst ein zerstörerisches Beben der Magnitude 7 ist mit rund fünf Prozent Wahrscheinlichkeit nicht ausgeschlossen.

Das höchste Gefährdungsniveau weist das Wallis auf, gefolgt von Basel, Graubünden, dem St. Galler Rheintal und der Zentralschweiz. Erdbeben können jedoch grundsätzlich überall in der Schweiz auftreten. Und genau deshalb stellt sich die entscheidende Frage: Wie gut würden unsere Häuser, Verkehrswege, Spitäler, Stromnetze und Kommunikationssysteme ein starkes Beben tatsächlich verkraften?

Die Gefahr ist real – auch wenn schwere Beben selten sind

Das Bundesamt für Umwelt stuft die Erdbebengefährdung der Schweiz im europäischen Vergleich als mittel ein.

Das bedeutet nicht, dass die Schweiz mit Italien oder der Türkei vergleichbar wäre. Sehr starke Erdbeben treten hier deutlich seltener auf.

Doch selten bedeutet nicht unmöglich.

Historisch gab es immer wieder schwere Ereignisse. Das bekannteste Beispiel ist das Basler Erdbeben von 1356 mit einer geschätzten Magnitude von 6,6. Auch das Beben von Siders 1946 mit Magnitude 5,8 und die Erdbebenserie in Obwalden 1964 zeigen, dass relevante Ereignisse auch in der Schweiz vorkommen.

Der entscheidende Unterschied zu früher: Heute leben deutlich mehr Menschen auf engem Raum, und der Wert von Gebäuden, Infrastruktur und technischen Anlagen ist massiv gestiegen.

Viele ältere Gebäude sind der eigentliche Schwachpunkt

Der grösste Unsicherheitsfaktor liegt im Gebäudebestand.

Das BAFU hält ausdrücklich fest, dass bestehende Bauten häufig eine unbekannte und oftmals ungenügende Erdbebensicherheit aufweisen.

Der Grund liegt auf der Hand: Ein grosser Teil der heutigen Gebäude wurde zu einer Zeit erstellt, als moderne Anforderungen an das erdbebengerechte Bauen noch nicht existierten oder wesentlich weniger streng waren.

Bei Neubauten sieht die Situation deutlich besser aus.

Die geltenden SIA-Normen berücksichtigen Erdbebeneinwirkungen ausdrücklich. Dabei spielen unter anderem die Erdbebenzone, der lokale Baugrund und die Bedeutung eines Gebäudes eine Rolle.

Spitäler, wichtige Infrastrukturen und andere besonders relevante Gebäude unterliegen höheren Anforderungen als gewöhnliche Wohnbauten.

Altbau bedeutet nicht automatisch unsicher

Das Baujahr allein sagt jedoch noch nicht, ob ein Gebäude gefährlich ist.

Entscheidend sind Tragwerk, Konstruktion, Grundriss, Baugrund und spätere Veränderungen.

Ein älteres Gebäude kann durchaus eine gute Erdbebensicherheit besitzen. Umgekehrt kann ein schlecht geplantes oder ungünstig verändertes Gebäude Schwachstellen aufweisen.

Eine seriöse Beurteilung ist deshalb nur durch Fachleute möglich.

Bei grösseren Umbauten oder Instandsetzungen müssen Eigentümer die Erdbebensicherheit bestehender Gebäude überprüfen lassen. Dafür kommt in der Schweiz unter anderem die Norm SIA 269/8 zur Anwendung.

Auch der Baugrund entscheidet mit

Nicht überall wirken dieselben Erschütterungen gleich stark.

Lockere Sedimente und bestimmte weiche Böden können seismische Bewegungen verstärken. Deshalb kann ein Gebäude in einem dicht bebauten Talboden stärker betroffen sein als ein vergleichbares Haus auf festem Fels.

Dieser Effekt erklärt auch, weshalb sich das Erdbebenrisiko nicht allein aus der geografischen Gefährdung ableiten lässt.

Ein Gebiet mit nur mittlerer Erdbebengefahr kann aufgrund dichter Bebauung, ungünstigem Untergrund und hohen Sachwerten trotzdem ein sehr grosses Schadenpotenzial aufweisen.

Gerade Ballungsräume sind deshalb besonders relevant.

Die grösste Überraschung wartet bei der Versicherung

Viele Hauseigentümer gehen davon aus, dass Erdbebenschäden automatisch durch die Gebäudeversicherung gedeckt seien.

Das ist grundsätzlich nicht der Fall.

Erdbebenschäden gehören in der Schweiz nicht zur obligatorischen Feuer- und Elementarschadenversicherung.

In 18 Kantonen existiert zwar ein Pool für freiwillige Leistungen. Dieser verfügt über eine Deckung von insgesamt zwei Milliarden Franken. Im Kanton Zürich besteht zusätzlich ein eigener Fonds mit maximal einer Milliarde Franken.

Gemessen an einem schweren Erdbebenszenario sind diese Beträge allerdings begrenzt.

Ein Ereignis vergleichbar mit dem Basler Erdbeben von 1356 könnte nach heutigen Schätzungen direkte Schäden an Gebäuden und deren Inhalt von ungefähr 50 bis 100 Milliarden Franken verursachen.

Für viele Eigentümer könnte eine fehlende Zusatzdeckung deshalb im Ernstfall existenzielle Folgen haben.

Was passiert nach einem schweren Beben?

Die direkten Gebäudeschäden wären nur ein Teil des Problems.

Beschädigte Stromleitungen, Wasserversorgung, Strassen, Bahnstrecken und Kommunikationssysteme könnten den Alltag erheblich beeinträchtigen.

Auch sekundäre Bauteile stellen eine Gefahr dar.

Fassadenteile, abgehängte Decken, Regale, technische Installationen oder Versorgungsleitungen können sich lösen und Menschen verletzen oder wichtige Gebäudefunktionen lahmlegen.

Besonders kritisch wären Ausfälle bei Spitälern, Feuerwehr, Polizei, Energieversorgung oder Telekommunikation.

Ein schweres Erdbeben könnte deshalb gleichzeitig zu Stromausfällen führen. Wie Haushalte sich auf solche Situationen vorbereiten können, erklärt sicherheit.ch im Ratgeber zum Verhalten bei einem Stromausfall.

IHR ERDBEBEN-SOFORTPLAN

Wenn plötzlich alles wackelt: Was tun?

Merken Sie sich schon heute, wo Sie Schutz finden. Während eines Bebens bleibt wenig Zeit zum Überlegen.

1 · Drinnen: Deckung suchen

Gehen Sie unter einem stabilen Tisch in Deckung. Halten Sie Abstand zu Fenstern, Regalen und Gegenständen, die herunterfallen oder umkippen könnten. Bleiben Sie während der Erschütterungen im Gebäude und warten Sie, bis Sie sich sicher bewegen können.

2 · Draussen: Abstand halten

Bleiben Sie im Freien. Meiden Sie die Nähe zu Gebäuden, Brücken, Strommasten und grossen Bäumen. Entfernen Sie sich an Seen und Flüssen vom Uferbereich.

3 · Im Auto: Anhalten und bleiben

Halten Sie an und bleiben Sie während des Bebens im Fahrzeug. Wenn möglich, halten Sie nicht auf Brücken, in Tunnels oder Unterführungen und nicht unmittelbar neben Gebäuden an.

4 · Danach: Mit Nachbeben rechnen

Verlassen Sie Gebäude mit grösseren Schäden vorsichtig: Auch nach dem Beben können Teile herunterfallen. Helfen Sie anderen, ohne sich selbst zu gefährden. Befolgen Sie die Anweisungen der Einsatzkräfte und halten Sie Telefonnetze und Strassen für Notfälle frei.

Ihr Vorsorgeauftrag für heute

Zeigen Sie Ihrer Familie einen geeigneten Schutzplatz in der Wohnung. Prüfen Sie anschliessend diese drei Dinge:

  • Schwere Gegenstände: Sind Regale und andere Einrichtungen gegen Umkippen gesichert?
  • Licht und Informationen: Sind Taschenlampe und batteriebetriebenes Radio griffbereit?
  • Versorgung: Wissen Sie, wo die Haupthähne und Hauptschalter für Gas, Wasser und Strom liegen?

Zum Nachlesen und Weitergeben: die offiziellen Verhaltensempfehlungen des Schweizerischen Erdbebendienstes an der ETH Zürich.

Offizielle Verhaltenstipps ansehen →

Kann man ein starkes Erdbeben vorhersagen?

Eine zuverlässige kurzfristige Vorhersage ist nicht möglich.

Der Schweizerische Erdbebendienst überwacht die seismische Aktivität permanent und kann Erdbeben sehr schnell lokalisieren und ihre Stärke bestimmen.

Er kann aber nicht Tage oder Stunden im Voraus sagen, wann genau ein bestimmtes starkes Beben stattfinden wird.

Deshalb basiert der Schutz vor allem auf Prävention.

Gebäude müssen so geplant sein, dass sie starken Erschütterungen möglichst standhalten. Kritische Infrastruktur benötigt zusätzliche Sicherheitsreserven, und Haushalte sollten sich auf vorübergehende Ausfälle wichtiger Versorgungssysteme vorbereiten.

Wie erkennt man, ob das eigene Haus sicher ist?

Für Laien ist das praktisch nicht zuverlässig feststellbar.

Risse in Wänden oder ein hohes Gebäude sind allein noch kein Beweis für mangelnde Erdbebensicherheit.

Interessant sind dagegen das Baujahr, die Bauweise, grössere frühere Umbauten und vorhandene statische Unterlagen.

Wer eine Immobilie besitzt und Klarheit möchte, sollte Baupläne und Statik prüfen lassen und bei Bedarf einen Bauingenieur mit einer professionellen Beurteilung beauftragen.

Besonders sinnvoll kann dies vor grösseren Sanierungen sein. Werden Tragwerk, Fassade oder Grundriss ohnehin verändert, lassen sich notwendige Verbesserungen häufig effizienter integrieren.

🏠 WAS HAUSEIGENTÜMER PRÜFEN SOLLTEN

  • Baujahr, Bauweise und vorhandene Statikunterlagen des Gebäudes zusammentragen.
  • Bei grösseren Umbauten die Erdbebensicherheit ausdrücklich durch eine Fachperson beurteilen lassen.
  • Schwere Regale, technische Anlagen und andere Einrichtungen gegen Umkippen oder Abstürzen sichern.
  • Den eigenen Versicherungsschutz prüfen, denn Erdbebenschäden sind nicht automatisch durch die obligatorische Gebäudeversicherung gedeckt.

Die Schweiz ist vorbereitet – aber nicht unangreifbar

Die Schweiz verfügt über moderne Bauvorschriften, ein dichtes Messnetz und zunehmend detaillierte Risikomodelle.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Gebäude erdbebensicher ist.

Gerade der ältere Gebäudebestand bleibt eine der grössten Herausforderungen.

Ein schweres Erdbeben gehört zu jenen Katastrophen, die selten eintreten, bei denen aber innerhalb weniger Sekunden enorme Schäden entstehen können.

Die eigentliche Gefahr liegt deshalb weniger darin, dass in der Schweiz permanent starke Beben auftreten.

Sie liegt darin, dass ein einziges seltenes Ereignis genügt.

 

Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert

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